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AKH galerie wien



ausstellung AKHgalerie wien
RE: mitteilung in das gesundheitsblatt
gemeinsam mit ursula winter | vernissage 02 09 19-21h
geöffnet tgl 03 - 26 09 2008

 

Eröffnungsrede, AKH-Galerie
2. September 2008, 19 Uhr
Für Margareta Weichhart-Antony und Ursula Winter


(Auf dem Tischerl befinden sich ein Dessertteller, daneben eine Serviette mit einer Kuchengabel und einem Messer drauf und ein leeres Rotweinglas. Ich wuchte den sichtlich schweren Korb, aus dem eine Rotweinflasche herausragt, auf den Tisch, entnehme einen Guglhupf, deponiere diesen auf dem Teller, stelle die Flasche daneben ab. Mein persönlicher Kellner gießt mir ein Glas Wein ein.)

Bevor ich mit meinen Ausführungen beginne, möchte ich eines klarstellen, nämlich dass ich mir sehr wohl der Tatsache bewusst bin, dass eine Eröffnungsrede eine Form von Folter ist und möglicherweise gegen die Menschenrechte verstößt. Trotzdem übernehme ich keinerlei Haftung für etwaige Hämatome, die während dieser Rede entstehen, wenn also wieder einmal einer umkippt, weil ihn der Sekundenschlaf überwältigt hat. Sie kriegen von mir nicht einmal ein Pflasterl (wenn sie sich dabei die Knie aufschürfen). Sollten Sie jetzt unsicher sein, ob es nicht eh zu riskant ist, hier zu bleiben und sich dieses ganze Blabla anzutun: Eine kleine Entscheidungshilfe:
Wenn Sie nicht einmal Wagnersopranistinnen aushalten, ohne dass Ihr Hirn zu Pudding wird, dann können Sie gleich heimgehen. Sie wissen schon: diese berüchtigten Brünnhilden, diese Oralsadistinnen, die in der Kehle ein spezielles Organ haben, das sie befähigt, die nachhaltigsten Töne im Sonnensystem zu erzeugen, und die am Ende der „Götterdämmerung“ sogar die frischesten, lockigsten Dauerwellenfrisuren auf den Köpfen der Zuhörer zum Welken bringen. Und was die Brünnhilden uns Eröffnungsrednerinnen in puncto Dezibel und stimmlicher Inbrunst voraushaben, diesen Mangel gleichen wir durch unerträgliche Langeweile locker aus.
Auch Speibsackerln stell ich übrigens keine zur Verfügung, obwohl das, was ich Ihnen gleich zeigen werde, heftiges Unwohlsein und Brechreiz auslösen kann. Denn ich werde Ihnen im Folgenden die 21 widerlichsten, ungustiösesten Stücke aus meiner privaten (und garantiert nicht öffentlich zugänglichen) Reliquiensammlung präsentieren. Lauter Exponate, die im pathologisch-anatomischen Museum im Narrenturm auch nicht sonderlich auffallen würden. Die Hauptattraktion heb ich mir natürlich für den Schluss auf. Einen besonders ekelhaften, abstoßenden Überrest vom Vincent van Gogh, jenem Vincent van Gogh, der bekanntlich die Ausnahme gewesen ist, die die Regel bestätigt hat. Welche Regel denn? Na ja, die Regel, an die sich praktisch sämtliche Künstler des 19. Jahrhunderts gehalten haben: das linke Ohr mit ins Grab zu nehmen. (Kurze Pause, um den Leuten Zeit zu geben, die Pointe zu verstehen, denn eventuell hat ja die Weinverkostung bereits begonnen.) (Ich hole einen kleinen transparenten Plastikbehälter aus dem Korb. Der mysteriöse Inhalt ist in eine weiße Serviette eingeschlagen.) In dieser entzückenden Vitrine befindet sich das sensationelle Kleinohr, Tschuldigung: Kleinod. Es ist etwas von erschütternd roher Authentizität. (Die Albertina, der ich das Objekt für ihre aktuelle Van-Gogh-Retrospekive großzügig borgen wollte, hat freilich seltsamerweise dankend abgelehnt. Komisch.)
Soweit der Vorspann zur eigentlichen Rede, die nun anfängt und der nachstehendes Motto vorangestellt sei:
„Und vor allem, Konrad, hör! / Lutsche nicht am Daumen mehr!“

Entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten komm ich diesmal ausnahmsweise gleich zum Punkt. (Ich kippe den kompletten Wein aus dem Glas in mich hinein. Mein persönlicher Kellner schenkt gleich wieder nach, was er im Folgenden reflexartig tun wird, sobald ich aus dem Glas getrunken habe.)
Der Mensch verfügt über Körperöffnungen. So einfach ist das. Und durch diese kommen diverse Dinge in unseren Organismus hinein, die manchmal lieber draußen bleiben sollten. Nur weil wir einen Mund haben . . . (schneide mir ein Stück Guglhupf ab und esse ausgiebig davon) ist Karies überhaupt ein Thema. Bei den beiden Künstlerinnen hier könnten aber vor allem die Nasenlöcher früher oder später zum Problem werden. Gerade weil sie da sind, ist die bildende Kunst ja so ungesund. Exzessives Malen kann nämlich nicht bloß zu einer Sehnenscheidenentzündung führen, sondern infolge des dauernden Inhalierens von flüchtigen Lösungsmitteln irgendwann zu einer krankhaften Terpentinabhängigkeit. Wenn mir ein Künstler mehrmals zufällig über den Weg rennt und jedesmal rinnt ihm die Nase, dann muss ich ihn gar nicht fragen, ob er in Öl malt. Der chronische Schnupfen und das Nasenbluten verraten ihn ohnedies. Das ist bei denen quasi eine Berufskrankheit (bei den Terpentinschnüfflern). So weit ist die Ursula Winter allerdings noch nicht, die ihre Staffelei noch dazu in ihrem Schlafzimmer stehen hat. Die Margareta Weichhart-Antony ist mit ihren Collagen aber auch nicht viel besser dran. Die wird halt von den Klebstoffdämpfen eingenebelt.
Ach, sind ihre Selbstporträts mit grotesk verzerrtem Schädel, wo ihr die Physiognomie entgleitet, als wär’ sie ein Camembert in der Sahara um 12 Uhr mittags, womöglich Ausdruck dieses Klebstoffdusels? Oder sollen sie eine Migräne darstellen? (Ungefähr so tät sich jedenfalls mein Kopf anfühlen, wenn man mich an den Fernsehsessel fesseln würde und ich müsste mir den Musikantenstadl anschauen, ohne Möglichkeit der vorzeitigen Entlassung.) Nein, das sind lediglich Spiegelungen in einem metallenen Reindl. Also das klassische Thema der Manieristen („Selbstbildnis im Konvexspiegel“), aus der Perspektive der kochenden Mutter neu interpretiert.
Sollten Sie Schwierigkeiten damit haben, konvex und konkav auseinanderzuhalten, hab ich ein dodelsicheres Merksprücherl für Sie. „Ist der Bauch konvex, / dann hatte er mehr als nur ein Keks.“
Apropos Bauch. Zeit für die erste grausliche Reliquie. Wenn sich Ihnen bei Filmen wie „Texas Chainsaw Massacre“, „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ der Magen umgedreht hat, rate ich Ihnen, nun unverzüglich die Augen zu schließen. Dann sind sie nicht abgebrüht genug für das, was auf Sie zukommt. Nein, warten Sie noch ein bissl. Vorher muss ich Ihnen noch was sagen: Die Lieblingsfarbe von Margareta Weichhart-Antony ist – (ich trinke den Rotwein ex). Jetzt dürfen Sie Ihre Augen zumachen.
(Hole einen etwas größeren Stein aus dem Korb.) Was? Der beeindruckt Sie nicht? Sie wissen wahrscheinlich einfach nicht, womit Sie es hier zu tun haben. Das ist ein „Makro-Ballaststoff“. Den hab ich bei ebay ersteigert. Der hat den bösen Wolf umgebracht. Ein echter deutscher Riesenkiesel. Aus dem Nachlass eines Waidmanns aus jener Jägerdynastie, deren berühmtester Spross dereinst das Rotkäppchen gerettet hat. Besagter Wolf ist bekanntermaßen einer allzu ballaststoffreichen Ernährung zum Opfer gefallen. Weil ihn ein Jäger in ein total abartiges Doktorspielchen verwickelt hat. Der hat ihm zuerst unter Narkose den ursprünglichen Mageninhalt radikal entfernt (also das Rotkäppchen und die Großmutter) und ihm dann die übertriebenen Mega-Ballaststoffe hineinoperiert. Kurz: Der Wolf ist auf brachialchirurgische Weise gesteinigt worden. (Mache aus den restlichen 19 Steinen einen Haufen.) Zwei, drei, vier, fünf (ich hab gleich die ganze Serie gekauft, alle Steine, die der Reliquienhändler noch übrig gehabt hat; der Hermann Nitsch soll ebenfalls ein solches Trumm besitzen, aber der festen Überzeugung sein, das wäre ein Einzelstück, nämlich Rumpelstilzchens Gallenstein, und deswegen wäre das Rumpelstilzchen so eine Zwiderwurzen gewesen - der Trottel, der lässt sich wohl alles einreden), sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20. Eine Gastritis is a Dreck dagegen.
(Ich breite ein Tuch über den Steinhaufen.) Sie können die Augen wieder aufmachen.
Doktorspiele dürften der Ursula Winter auch nicht völlig fremd sein. Ihr deftiges Bild „Die nackte Banane“ treibt einem schlichtweg die Schames-(trinke den Rotwein) ins Gesicht. Da bearbeitet sie einen Mann so lange, bis ihm, äh . . . wie soll ich’s halbwegs geschmackvoll formulieren? Bis ihm das Y-Chromosom raushängt. Und auch sonst geht sie mit den Leibern nicht grad zimperlich um, nagt sie ab bis auf die Knochen oder legt ihre Eingeweide frei, lässt ihren Pinsel herumrumoren wie eine Kolik.
Hm. Vielleicht ist sie ja auch so eine, die ein Faible hat für gewisse „Innereien“. Wie diese vermeintlich seriösen Ärzte, die (ironischer Tonfall) „überhaupt keine unprofessionellen Gedanken haben“, während wir ihnen eine sehr private Körperöffnung hinhalten müssen, in die sie ziemlich indiskret hineinspechteln – die Zahnärzte. Die sind doch allesamt heimliche Freudianer. Und sind einzig und allein hinter diesem ominösen Essen her. Pardon: hinter dem Es. Und seit ein Dentist der Barbara Karlich gebeichtet hat, dass er und seine Kollegen das Zäpfchen in Verdacht haben, das leibhaftige Es zu sein (wozu sollte dieser obszöne Fortsatz denn sonst gut sein, das unanständig zuckende Würmchen am Ende des Gaumens?), genier ich mich immer ein bissl, zur Mundhygiene zu gehen. Ich mein’: Da schaut einer mein nackertes Es an.
Eventuell wundern Sie sich darüber, wie die Margareta Weichhart-Antony die Schnuller ihrer eigenen Kinder zugerichtet hat, nur um Letzteren das infantile Nuckeln am Zutz abzugewöhnen. Geradezu polymorph-perverse Kreationen hat sie daraus gemacht. Nicht mehr zu gebrauchen sind die Dinger. Das kommt mir irgendwie bekannt vor (dieser kalte Entzug des oralen Lustobjekts). Ja, richtig: aus dem Struwwelpeter. Dem Kinderbuch des Heulens und Zähneklapperns, das mit seinen lustigen Geschichten und drolligen Bildern seit Generationen wertvolle Dienste leistet bei der Installierung eines Über-Ichs im Kinde. (Shakespeares „Titus Andronicus“ ist eine harmlose Fleischwunde im Vergleich zu diesem Schocker.) Da drin kommt ein Knabe namens Konrad vor, der seinen Daumen fetischisiert, und weil er dem Laster des Daumenlutschens partout nicht abschwören will, erwischt ihn ein Schneider, das personifizierte Über-Ich, eines Tages in flagranti und schneidet dem Konrad die sündhaften Teile ab. Ach, daher haben die kleinen Buben ihre Kastrationsangst! (Glaubt ja keiner, dass es da um „Daumen“ geht.)
Gut, den verstaubten Text sollte man vielleicht doch endlich einmal dezent aktualisieren. Denn vor einer Schneiderschere erbeben die heutigen Gschrappen, die vom Terminator und vom Diabolo sozialisiert worden sind, ja nicht mehr in Ehrfurcht. Ich hatte wenigstens noch Respekt vor dem Tintifax. Bei seinem Teint wie aus dem Speibsackerl wurde mir ganz bang.
Ich stell mir die Neufassung in etwa so vor: Der Konrad vergnügt sich grad mit seinem „Daumen“, da passiert Folgendes:

Bumm! Die Tür sprengt einer auf,
(Mit C4), und keuch und schnauf
Stürmt der Rambo in die Stub
Hin zum Daumenlutscher-Bub.
Weh! Jetzt geht es wumm tschingbum!
Bringt er ihm die Daumen um.
Mit der großen Panzerfau-
st, da schreit der Konrad „au!“

Ja und so ähnlich geht es auch auf den Blättern von Margareta Weichhart-Antony zu, die in einer Art Abreaktionstagebuch ihre Erlebnisse zu einer wahren Orgie vereint aus blutigem Haushaltsmassaker und lieblicher Schmetterlingsidylle, wo Engelsfedern romantisch herumschweben. Nicht vergessen sollte man dabei, dass es sich um Kunst handelt. Bräuchte sie einen Babysitter für ihren Nachwuchs, würde sie selbstverständlich Mary Poppins wählen und nicht Chucky, die Mörderpuppe. Aber, wie gesagt, ihre bevorzugte Farbe ist dieselbe wie die vom Hermann Nitsch, nämlich (trinke ein wenig Rotwein). Die angebliche (esse Kuchen, spreche mit vollem Mund) appetitanregende Wirkung dieser Farbe halte ich jedoch für ein Gerücht.
So. Ich denke, Sie sind nun reif für das Glanzstück meiner Reliquiensammlung. Für meinen van Gogh. Meinen ganzen Stolz. (Ziehe Latexhandschuhe an. Hebe den Deckel des vitrinenartigen Behälters ein wenig, zögere noch . . .) Sollten Sie zu den zart besaiteten, schwachnervigen Personen gehören oder zu den Ästheten (oder noch schlimmer: zu den Romantikern), wenden Sie sich in Ihrem eigenen Interesse ab! (Öffne Behälter und wickle ein einseitig gebrauchtes Wattestäbchen aus der Serviette. Präsentiere es stolz) Van Goghs Lieblingsfarbe war, nebenbei bemerkt, Gelb. (Drum seine Sympathie für Sonnenblumen.) Sie haben schon recht: das Ohrenschmalz stammt nicht vom Vincent höchstpersönlich, aber immerhin aus dem linken Ohr eines Mediums, das bei der Entnahme des Schmalzes in Kontakt mit van Goghs Geist gestanden ist und dessen Anweisungen penibel befolgt hat. Um eine dramatische, von sämtlichen Van-Gogh-Biografen ignorierte Szene nachzustellen, die sich am Abend des 23. Dezember 1888 zugetragen hat und die der Schnippschnapp-Episode, also der am Ohrwaschel vorgenommenen Vivisektion, unmittelbar vorausgegangen ist. Da hat der van Gogh verzweifelt versucht, durch Herumstochern im Gehörgang, einen hartnäckigen Tinnitus loszuwerden. Leider ohne Erfolg. Wer weiß, was er sich die ganze Zeit anhören hat müssen. Würde in meinem Ohr zum Beispiel der Hansi Hinterseer zünftig vor sich hin schmalzen (oder der DJ Ötzi unentwegt „Hey, Baby“ jaulen), ich würd’ womöglich auch im Affekt schnippschnapp machen. Was Sie jetzt machen, ist mir, ehrlich gesagt, wurscht.

 

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